Ettikette im 18. Jahrhundert

Matthias Richer referiert vor den Teilnehmern des Tabakskollegiums in Dillenburg. (Foto: Heller) .

 

Augen öffnende Antworten waren nicht selten in dem Vortrag und dem Kollegiumsgespräch, das sich bis nach Mitternacht hinzog, ohne jemals langweilig zu werden.

Bei Hofe, so berichtete Matthias, war selbst in den deutschen Kleinstaaten die französische Sprache dominierend. Nach und nach setzte sich im Verlaufe des Jahrhunderts dann auch dort auch das Deutsche durch. Anders als oft in historischen Darstellungen gebraucht, sprach man sich immer seltener mit Ihr an, sondern benutzte immer häufiger das Sie. Das Ihr blieb hohen Würdenträgern vorbehalten. Wurden ganze Gruppen - etwa bei einem Ball oder einer Versammlung - begrüßt, so nutzte man ausschließlich die männliche Form Messieurs , selbst dann, wenn auch Damen anwesend waren.

Ruinöses Leben bei Hof

Das Leben bei Hof, das viele Adlige wählten, um dem König nahe zu sein und entsprechend zu profitieren, war unheimlich anstrengend und ruinös teuer. Viele verarmten, nur wenige brachten es zu geldwertem Einfluss, erklärte Matthias am Beispiel des Hofes Ludwig XIV. Das Leben unterlag einem strengen Zeitplan und war - wollte man mithalten - äußerst anstrengend und ungesund. Die Schlösser waren - wie wir wissen - aufgebaut wie eine lange Reihe von Schleusen. Wollte man den König sehen, so wurde man von einem "Warte"-raum zum nächsten weitergeschickt.

Höfische Bälle waren im Barock vermutlich kein Spaß, sondern eher gesellschaftliche Pflicht. Bei den offiziellen Bällen gab es zumindest am Hofe Ludwig XIV. die Sitte, dass nur ein Paar vortanzte, alle anderen aber zusahen. Nur der König und eine kleine Zahl auserwählter Adliger saßen dabei. Alle  anderen standen. Tanzen zum Vergnügen und ohne großes Zeremoniell gab es meist bei privaten Lustbarkeiten, so genannten Redouten.

Blaues Blut und Schönheitspflaster

 Am französischen Hof des 17. Jahrhunderts schminkte man sich weiß und legte Rouge auf. Zuweilen färbte man sich sogar die Adern am Kopf blau - daher möglicherweise der Ausdruck "von blauem Blut". Dies allerdings kam im 18. Jahrhundert aus der Mode, ebenso wie die Schönheitspflästerchen, die Mouches. Danach puderten sich die Herren allenfalls noch.

 Interessant aus Reenactor-Sicht war der Hinweis, dass damals unter Umständen auch Männer Ohrringe trugen. Andere Körper-Piercings oder Tätowierungen, wie man sie heute öfters antrifft, wurden damals nicht getragen. Es sei denn man brachten den Körperschmuck aus der neuen Welt mit oder von Seefahrten in die Südsee.

Die Gabel als Werkzeug des Teufels

Die Tischsitten bei Hof änderten sich im späten 17. Jahrhundert radikal. Hatte man zunächst nur Messer und Löffel, weil die Gabel im katholischen Frankreich als Werkzeug des Teufels galt, so setzte sich bereits Anfang des 17. Jahrhunderts zunächst in protestantischen Gegenden, ab dem frühen 18. Jahrhundert auch in katholischen Landen der Gebrauch der Gabel durch, die zwei, drei oder vierzinkig sein konnte. Die Gebrauchsservice bei Hofe waren meist aus Silber, weil Porzellan noch sehr teuer war. In bürgerlichen Haushalten war es Steingut, Holz oder Zinn, das auch bei Hofe genutzt wurde.

Die Notdurft hinterm Vorhang?

Matthias räumte auch auf mit dem anrüchigen Gerücht, dass bei den Festlichkeiten in Versailles - wie auch in anderen Schlössern - die Gäste in Ermangelung von Toiletten - ihre Notdurft in den Sälen hinter den Vorhängen verrichteten. Das wäre unschicklich gewesen. Viel wahrscheinlicher ist, dass Lakeien zu diesem Zweck Gefäße bereithielten und die Exkremente entsorgten - oder gar der  Verwertung zuführten, denn die Färber brauchten den Urin für ihr Handwerk.  

Tatsächlich aber wusch man sich bei Hofe früher seltener als man das heute tun würde. Stattdessen wechselten die besseren Leute aber mehrmals am Tag das Hemd, rieben sich mit in Ethanol getränkten Tüchern ab, puderten und parfümierten sich. Ein möglicher Grund könnte der Mangel an sauberem Wasser gewesen sein. Auch die Haare wurden nur gebürstet, mit Pomade aus Talg bestrichen und gepudert. Das stärkehaltige Puder auf den Perücken war aber auch oft Brutstätte von Ungeziefer wie Läusen, Flöhen und Wanzen, die wiederum durch die damals größere Nähe zu Tieren wie Pferden und Hunden leicht zu haben waren.

Der Handkuss und die Gelüste

Ganz praktische Hinweise gab Matthias in dem Zusammenhang für die Historiendarsteller. Damen führte man damals nur dann an der Hand, wenn man sie zur Tanzfläche geleitete oder aber in unwegsamem Gelände. Das Händchenhalten beim Flanieren, wie heute häufig zu beobachten, ist nicht nachgewiesen. Berührungen in der Öffentlichkeit waren sogar unter Eheleuten unschicklich. Der Handkuss war  damals nur unter sehr  vertrauten Paaren üblich – man bekundete dadurch sexuelles Interesse.  Man begegnete sich mit mindestens eineinhalb Metern Abstand. Das wiederum machte - bei privaten Vergnügungen - das Tanzen von  Paartänzen wie der Allemande, bei der sich Mann und Frau bei den Händen fassten und sich näher kamen, besonders interessant. Um sich gegenseitig die Reverenz zu erweisen, gab es ein Regelwerk, das in den Tanzmeisterbüchern bis hin zum „teutschen Hofrecht“ festgehalten war. Darin war geordnet war, wer sich wie und wie tief zu verbeugen hatte.

Drinnen trug man keinen Hut

Einen Hut trug man in geschlossenen Räumen nicht. Hatte man ihn draußen auf und wollte jemanden Gleichrangigen grüßen, so legte man die Hand an den Hutkniff, lüpfte die Kopfbedeckung als Ehrerweisung für Damen ein Stückchen oder man nahm sie für ganz hoch gestellte Persönlichkeiten auch ab. Nicht ganz einfach war auch damals die Antwort auf die Frage, wer denn gleichgestellt war.

An der Kleidung war es schwer auszumachen, zumal ein verarmter Landadliger möglicherweise im Rang höher stand aber nicht unbedingt besser gekleidet sein musste. Mitglieder des Hofes identifizierte man mit dem Blick auf deren Schuhe, die  rote Absätze hatten. Im barocken Frankreich wurden zur Unterscheidung der einzelnen Hofämter sogar unterschiedlich gefärbte  Absätze verordnet.

Notfalls zum Degenverleiher

Im mittleren 18. Jahrhundert war es nicht mehr eine Frage von Stand, ob man einen Degen tragen durfte. Wer zeigen wollte, dass er dazu gehörte, legte sich einen zu. Allerdings war der Besuch am Hof Ludwig XIV. ohne Degen nicht möglich. Deshalb, so erklärte Matthias, konnte man in der Nähe alle nötigen Accessoires gegen Bezahlung ausleihen. Dies war in Versailles der Fall, an vielen anderen Residenzen wie zum Beispiel in Wien musste man dagegen alle Waffen ablegen. Das unterschied sich von Hof zu Hof. Selbst das Tragen eines Haarbeutels war nicht überall erlaubt.

 

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